Wacken Open Air 2018

Zuge­ge­ben, ich äußere mich hier gerne recht nega­tiv über dieses rie­sen­hafte Fes­ti­val, das zufäl­lig nur eine Auto­stunde von mir ent­fernt statt­fin­det. Was man dem Wacken Open Air aber zugute halten muss, ist das zumeist starke Bil­ling, das häufig gerade im klein­ge­druck­ten Teil noch einige Perlen zeigt, die unter den übri­gen 08/​15-​Acts wie Doro oder Avan­ta­sia gerne unter­ge­hen. Und zufäl­lig waren auch einige Arbeits­kol­le­gen vor Ort, so dass für gute Unter­hal­tung abseits der Bühnen eben­falls gesorgt war. Gute Gründe, sich das Trei­ben doch mal wieder anzu­se­hen.

Es folgen meine Ein­drü­cke, mal wieder pro­fes­sio­nell mit Handy-Schnapp­schüs­sen illus­triert.

Schritt 1: Ticket

Anders als in den Jahren zuvor war das Fes­ti­val erst zwei Wochen vor Beginn aus­ver­kauft. Schlechte Karten also (höhö) für Spe­ku­lan­ten, die sich im Vor­ver­kauf mit Tickets ein­ge­deckt und auf hor­rende Schwarz­markt­preise gehofft haben – und gute Grund­be­din­gun­gen, um (wie ich) als Kurz­ent­schlos­se­ner doch noch auf den Acker zu kommen.

In Anbe­tracht der Band-Liste, die zwar bekannte Namen, aber prak­tisch kei­ner­lei Über­ra­schun­gen bietet, und eines gepfef­fer­ten Prei­ses von mitt­ler­weile 220 Euro ist das viel­leicht keine allzu große Über­ra­schung (wobei: Die Karten für nächs­tes Jahr zum selben Preis sind bereits weg).

Ich bin jeden­falls frohen Mutes erst am Fes­ti­val-Frei­tag (anstatt zum Anreise-Mitt­woch) ins Auto gestie­gen und habe mich ganz hemds­ärm­lig mit einem Suche Ticket“-Schildchen im Dorf plat­ziert. Inter­es­sante Erfah­rung: Mit einem der­ar­ti­gen Schild­chen war ich längst nicht allein, und viele Typen mit eben diesen Schild­chen in der Hand haben mir unter vor­ge­hal­te­ner Hand Tickets zum Kauf ange­bo­ten. 150 Euro Fest­preis, kein Ver­han­deln. Am Frei­tag­mit­tag wohl gemerkt, wobei bereits die knappe Hälfte der Kon­zerte gelau­fen ist. 

Sei’s drum. Nach einer guten Stunde bin ich von rich­ti­gen Fes­ti­val­be­su­chern ange­spro­chen worden und das Ticket eines erkrank­ten Daheim­ge­blie­be­nen wech­selte zu einem fairen Preis den Besit­zer – gute Sache für alle Par­teien.

Schritt 2: Der erste Ein­druck

Aaaaaal­ter, sind die Wege weit! Um kurz nach zwölf Uhr mit­tags habe ich das Cam­ping-Areal betre­ten und mir noch gute Chan­cen aus­ge­malt, kurz Ticket gegen Bänd­chen aus­zu­tau­schen, den Ruck­sack ins Camp meiner Truppe zu werfen und mir zumin­dest noch den Rest vom Attic-Gig um kurz nach eins anzu­se­hen. Aber nix da, vom Ein­gang zur Bänd­chen­aus­gabe lief man bereits die erste Vier­tel­stunde. Eine wei­tere halbe Stunde ins besagte Camp und damit war der Plan bereits eini­ger­ma­ßen hin­fäl­lig und der Schrei­ber dieser Zeilen schweiß­über­strömt.

Foto: Infield

Also erst­mal ganz in Ruhe etwas umge­se­hen, das Auto umge­parkt, das Zelt bezo­gen und die erste Kalt­schale auf­ge­ris­sen. Wenn ich an meinen ersten Besuch 2004 zurück­denke, ist die Größe des Büh­nen­are­als samt Vor­platz bereits mehr als über­wäl­ti­gend. Neben schier unzäh­li­gen Fress­bu­den haben sich auch viele Spon­so­ren breit­ge­macht, die die tau­sen­den Besu­cher als poten­ti­elle Kunden erkannt haben: Tesa (tauscht gratis“ Pan­zer­tape gegen Gewinn­spiel-Adress­da­ten), Melitta-Kaffee, Wera-Werk­zeug, Tele­kom und natür­lich diverse Spi­ri­tuo­sen- und Tabak-Höker, die sich selbst gerne als total rockig prä­sen­tie­ren.

Recht gelun­gen ist das Wackin­ger-Vil­lage“, das etwas Mit­tel­alt­er­fest-Stim­mung auf­kom­men lässt und kuli­na­risch etwas mehr bietet als mat­schige Burger und pap­pige Crêpes. Und was auch auf­fällt: Das gefürch­tete Par­ty­pu­bli­kum steht deut­lich weni­ger im Vor­der­grund als bei meinen letz­ten Stipp­vi­si­ten 2016 und 2011: Mir sind wenig bis gar keine Nackte auf­ge­fal­len, kaum Kos­tüme und ebenso wenig reine Party-Camps. Außer­dem nett, dass der Müll spür­bar weni­ger gewor­den ist. Es bleibt natür­lich immer noch viel Sperr­müll liegen, aber der Grad der all­ge­mei­nen Ver­wüs­tung hat meinem Emp­fin­den nach deut­lich abge­nom­men.

Schritt 3: Bands gucken

Für mich neu war, dass auch am Mitt­woch schon einige Lecker­bis­sen auf den Bühnen zu finden sind. In diesem Jahr waren das u. a. Rezet, Evil Inva­ders oder auch Naza­reth, die ich mir gerne ange­se­hen hätte. So sind mir neben den großen Acts vom Don­ners­tag (z. B. Udo Dirk­schnei­der mit seinem Accept-Pro­gramm, Danzig und Judas Priest) glatt noch eine hand­voll wei­te­rer Bands durch die Lappen gegan­gen, was ich so gar nicht auf dem Schirm hatte – aber kannste nix machen. Trotz­dem konnte ich mir noch eini­ges anse­hen:

  • Destruc­tion habe ich viele Jahre nicht gese­hen und waren der erste Act, den ich mir im rie­si­gen Zelt ansah, das direkt Platz für zwei durch­aus groß dimen­sio­nierte Bühnen bietet. Ein Rie­sen­fan von Schmiers Truppe war ich aller­dings nie und so war das Geschep­per zwar ganz nett anzu­hö­ren, ist für mich aber ohne nen­nens­werte High­lights vor­bei­gerauscht.
  • Im selben Zelt traten auch die Blues Pills auf, die ich zuletzt vor einem Jahr im ver­gleichs­weise lächer­lich klei­nen Orange Club in Kiel gese­hen habe. Trotz der Tat­sa­che, dass es sich bei den Zelt­büh­nen um die kleins­ten echten“ Bühnen des WOAs han­delt, befin­det sich immer noch ein respek­ta­bler Foto­gra­ben zwi­schen Band und Fans – und auch die Zuschau­er­zahl über­steigt die der meis­ten Clubs bei weitem. Der Auf­tritt ist durch und durch pro­fes­sio­nell, was mit allen Vor- und Nach­tei­len ein­her­geht: Auf der Haben­seite stehen die per­fekt per­form­ten Lieder mit vielen Soli und Jam-Ein­la­gen. Aber die Inter­ak­tion mit dem Publi­kum bleibt natür­lich weit­ge­hend auf der Stre­cke. Den star­ken Songs sei Dank den­noch ein abso­lut sehens- und hörens­wer­ter Auf­tritt!
  • Wer in den letz­ten zehn Jahren Run­ning Wild live sehen wollte, der hatte keine andere Wahl, als das Wacken Open Air zu besu­chen: Sowohl Abschieds- als auch Reunion-Auf­tritt wurden hier gespielt und anno 2018 tritt man man mal ganz regu­lär – aber wieder exklu­siv – auf dem WOA auf. Über Sinn und Unsinn kann man herr­lich strei­ten, denn der Ver­dacht liegt natür­lich nahe, dass ein Wacken-Auf­tritt ver­gli­chen mit einer Tour finan­zi­ell attrak­ti­ver und in der Orga­ni­sa­tion weni­ger auf­wen­dig ist.
    So hab ich dem Auf­tritt schon vorab mit gemisch­ten Gefüh­len gegen­über­ge­stan­den und ganz weg­bla­sen konnte Rock’n’Rolf diese Zwei­fel auch im Ver­lauf des Gigs nicht, denn so rich­tig rund lief’s nicht: Auch wenn die Son­g­aus­wahl solide war (wenn auch ohne grö­ßere Über­ra­schun­gen), so kann sich der Auf­tritt von den bereits genann­ten letz­ten beiden Auf­trit­ten nicht so recht abhe­ben. Die etwas höl­zern wir­ken­den Ansa­gen und län­gere Pausen zwi­schen den Songs taten ihr Übri­ges. In der Folge wirk­ten auch die Reak­tio­nen des durch­aus zahl­reich erschie­ne­nen Publi­kums eher höf­lich als eupho­risch und so ent­stand mehr und mehr der Ein­druck, dass der pro­mi­nente Slot am Frei­tag­abend auf der Haupt­bühne etwas zu hoch gegrif­fen war. Zugu­te­hal­ten muss man Rolf, dass er wohl bös Rücken hatte (laut 3sat-Inter­view, nicht mehr online ver­füg­bar) und die Show nicht absa­gen wollte. Den­noch, Run­ning Wild würde es gut tun, wieder mehr mit den Fans auf Tuch­füh­lung zu gehen – etwa durch eine authen­ti­sche Club-Tour, wie es andere Berufs­bands von ähn­li­chem Kali­ber ganz selbst­ver­ständ­lich und regel­mä­ßig tun. Bei RAGE hat dies zuletzt sogar zu einer klei­nen Renais­sance geführt und mal ehr­lich: Genau das würde Rolfs Truppe gut tun, denn die letz­ten Alben hatten längst kei­ner­lei Rele­vanz mehr. 
  • Ein soge­nann­tes Metal­fes­ti­val mit Otto Waal­kes in Pro­gramm? Na ja. Neu­gie­rig war ich natür­lich trotz­dem, schließ­lich ist man doch irgendwo mit Ottos gran­dio­sen Flach­wit­zen groß­ge­wor­den. Und dass der gerade 70 gewor­dene Friese über­haupt noch auf einer Bühne steht, ist ja auch schon eine respek­ta­ble Leis­tung. Tat­säch­lich wurde es vor der Louder“-Stage (ehe­mals Par­tystage, also die zweit­kleinste Bühne) bre­chend voll, so dass er den zeit­gleich spie­len­den In Flames auf der Haupt­bühne fast ein wenig die Show stahl. Ein­zi­ger Minus­punkt war, dass Ottos Mikro das ganze Kon­zert über zu leise abge­mischt war und gerade die Ansa­gen ein­fach unter­gin­gen. Ansons­ten aber ein über­ra­schend mun­te­rer Auf­tritt, der alle wich­ti­gen Songs Ottos Kar­riere nett zusam­men­fasste.
  • Ver­rückte Welt: Wer noch eine Woche zuvor als Haupt-Act auf­trat, wird auf dem WOA am Sams­tag­mit­tag in der Mit­tags­hitze buch­stäb­lich ver­heizt. Den­noch spielt Riot V vor unge­fähr der glei­chen Zuschau­er­zahl wie auf dem Head­ban­gers Open Air, was auf dem rie­si­gen Büh­nen­areal natür­lich eher dünn wirkt. 
    Foto: Riot V auf der „Louder“-Stage in Wacken

    Den­noch, die Anwe­sen­den wissen offen­bar, wen sie vor sich haben, und so wird die Band trotz Tem­pe­ra­tu­ren jen­seits der 30 Grad und Kater­stim­mung respek­ta­bel abge­fei­ert. Leider fehlt das groß­ar­tige Fire Down Under“ und an die Stim­mung vom HOA kommt der Auf­tritt auf­grund der Umstände sowieso nicht ran, ist aber den­noch ein Genuss. 

  • Night Demon sind live sowieso immer eine Macht und so wollte ich mir den Auf­tritt im Zelt natür­lich nicht ent­ge­hen lassen. Hier wird auch deut­lich, dass sich durch­aus noch einige Mani­acs in Wacken tum­meln, die sich die Rosi­nen im Bil­ling raus­pi­cken und im über­wäl­ti­gend großen Event­pu­bli­kum sonst schlicht unter­ge­hen – nicht so an diesem Sams­tag­nach­mit­tag im Zelt. In Ame­rika scheint sich der zwei­fel­hafte Ruf des WOAs noch nicht so sehr rum­ge­spro­chen haben, denn die US-ame­ri­ka­ni­sche Truppe ist sicht­lich stolz darauf, Teil des Fes­ti­vals zu sein und zeigt sich gewohnt sicher; sogar so sicher, dass mal eben eine defekte Bass­drum wäh­rend des Auf­tritts aus­ge­tauscht wird, ohne dass der Auf­tritt auch nur eine Sekunde unter­bro­chen wird. Trotz aller Rou­tine leidet die Spiel­freude kein biss­chen, toller Auf­tritt!
  • Leichte Kost wenig später auf der Bühne im Bier­gar­ten: Onkel Tom spielt die bekannte Mischung aus Eigen­kom­po­si­tio­nen und metal­li­sier­ter Schla­ger, die vor allem beim schwer ange­trun­ke­nen Publi­kum gut ankom­men. Den­noch gute Unter­hal­tung, viel mehr kann man zu dem Kla­mauk nicht sagen. 
  • High­light des Abends sind Hel­lo­ween, die unter dem Banner Pump­kins United“ wie zuletzt auf Kon­zer­tour ver­ei­nigt mit den ehe­ma­li­gen Mit­strei­tern Kai Hansen und Michael Kiske auf­tre­ten. Das Publi­kum zeigt sich text­si­cher und feiert den zwei­ein­halb­stün­di­gen Auf­tritt von Anfang bis Ende. Die Set­list ist ein toller Rund­um­schlag des Mate­ri­als aus mitt­ler­weile über 30 Jahren Band­ge­schichte.
    Foto: Helloween mit Abschlussfeuerwerk im Hintergrund
    Abschieds­feu­er­werk zu Hel­lo­ween

    Auch wenn ich wie viele Fans die ersten ein bis drei Long­player favo­ri­siere und ansons­ten eher Kai Han­sens eigene Band Gamma Ray bei mir in der Play­list landet, gab’s vor allem zum Ende mit Future World“ und I Want Out“ samt Feu­er­werk kein Halten mehr. Bei aller Kritik an den letz­ten Alben und trotz Andi Deris‘ schreck­li­chem Organ war dieser Auf­tritt wohl der, an den man sich noch einige Jahre erin­nern dürfte. Für mich der per­fekte Abschluss des Fes­ti­vals!

Fazit

Klar, Wacken ist nach wie vor vor allem in allen Belan­gen schier riesig und das mit allen denk­ba­ren Vor- und Nach­tei­len. Es steht vor allem das Event selbst im Mit­tel­punkt und der Metal ist in der Folge eher ein Teil des Ganzen anstatt wie andern­orts im Mit­tel­punkt zu stehen. Und genau das ist bekannt­lich der Grund, warum sich die Hart­wurst-Frak­tion schon längst andere Events gesucht hat, auch wenn sich zumin­dest das Bal­ler­mann-Publi­kum wie gesagt wohl inzwi­schen andere Events gesucht hat.

Foto: Campinggelände, ohne übermäßig viel Müll
Noch am Frei­tag über­ra­schend sauber und auf­ge­räumt: Das Cam­ping-Gelände.

Auch posi­tiv: Musi­ka­lisch wird nahezu jede Geschmacks­ni­sche bedient und so finden sich im Bil­ling durch­aus viele Perlen. Die sind zwi­schen den großen Namen natür­lich mit der Lupe zu suchen, aber ein volles Tages­pro­gramm lässt sich trotz­dem ohne Wei­te­res zusam­men­stel­len. Nett ist auch, dass Duschen und Benut­zung der Spülk­los im Ticket­preis inbe­grif­fen sind, auch wenn in Anbe­tracht der Som­mer­hitze mehr Trink­was­ser­quel­len ange­bracht gewe­sen wären.

Ins­ge­samt also ein gemisch­tes Urteil. Ich hatte meinen Spaß (was nicht zuletzt an der Stim­mung im Lager liegt) und bin finan­zi­ell gut davon­ge­kom­men, so dass das Preis­leis­tungs­ver­hält­nis unterm Strich stimmt. Der Ver­gleich zu klei­ne­ren Fes­ti­vals hinkt trotz­dem, da anderswo ins­ge­samt weni­ger Zirkus gebo­ten wird und Wacken dann doch irgend­wie ein­zig­ar­tig ist.

Ob ich nächs­tes Jahr zur 30. Auf­lage des Fes­ti­vals wieder am Start bin, kann ich noch nicht sagen. Aber zumin­dest ein Stück weit muss ich meine Kritik der letz­ten Jahre wohl wieder zurück­neh­men.