Wacken Open Air 2018

21. August 2018 | #wacken #festival #metal #destruction #bluespills #runningwild #otto #riotv #riot #nightdemon #onkeltom #helloween

Zugegeben, ich äußere mich meist recht negativ über dieses riesenhafte Festival, das zufällig nur eine Autostunde von mir entfernt stattfindet. Was man dem Wacken Open Air aber zugute halten muss, ist das zumeist starke Billing, das gerade im kleingedruckten Teil oft einige Perlen versteckt, die unter den 08/15-Acts wie Doro oder Avantasia gerne untergehen. Und zufällig waren auch einige Arbeitskollegen vor Ort, so dass für gute Unterhaltung abseits der Bühnen ebenfalls gesorgt war. Gute Gründe, sich das Treiben doch mal wieder anzusehen.

Es folgen meine Eindrücke, mal wieder professionell mit Handy-Schnappschüssen illustriert.

Schritt 1: Ticket

Anders als in den Jahren zuvor war das Festival erst zwei Wochen vor Beginn ausverkauft. Schlechte Karten also (höhö) für Spekulanten, die sich im Vorverkauf mit Tickets eingedeckt und auf horrende Schwarzmarktpreise gehofft haben – und gute Grundbedingungen, um (wie ich) als Kurzentschlossener doch noch auf den Acker zu kommen.

In Anbetracht der Band-Liste, die zwar bekannte Namen, aber praktisch keinerlei Überraschungen bietet, und eines gepfefferten Preises von mittlerweile 220 Euro ist das vielleicht keine allzu große Überraschung (wobei: Die Karten für nächstes Jahr zum selben Preis sind bereits weg).

Ich bin jedenfalls frohen Mutes erst am Festival-Freitag (anstatt zum Anreise-Mittwoch) ins Auto gestiegen und habe mich ganz hemdsärmlig mit einem „Suche Ticket“-Schildchen im Dorf platziert. Interessante Erfahrung: Mit einem derartigen Schildchen war ich längst nicht allein, und viele Typen mit eben diesen Schildchen in der Hand haben mir unter vorgehaltener Hand Tickets zum Kauf angeboten. 150 Euro Festpreis, kein Verhandeln. Am Freitagmittag wohl gemerkt, wobei bereits die knappe Hälfte der Konzerte gelaufen ist.

Sei's drum. Nach einer guten Stunde bin ich von richtigen Festivalbesuchern angesprochen worden und das Ticket eines erkrankten Daheimgebliebenen wechselte zu einem fairen Preis den Besitzer – gute Sache für beide Parteien.

Schritt 2: Der erste Eindruck

Aaaaaalter, sind die Wege weit! Um kurz nach zwölf Uhr mittags habe ich das Camping-Areal betreten und mir noch gute Chancen ausgemalt, kurz Ticket gegen Bändchen auszutauschen, den Rucksack ins Camp meiner Truppe zu werfen und mir zumindest noch den Rest vom ATTIC-Gig um kurz nach eins anzusehen. Aber nix da, vom Eingang zur Bändchenausgabe lief man bereits die erste Viertelstunde. Eine weitere halbe Stunde ins besagte Camp und damit war der Plan bereits einigermaßen hinfällig und der Schreiber dieser Zeilen schweißüberströmt.

Foto: Infield

Also erstmal ganz in Ruhe etwas umgesehen, das Auto umgeparkt, das Zelt bezogen und die erste Kaltschale aufgerissen. Wenn ich an meinen ersten Besuch 2004 zurückdenke, ist die Größe des Bühnenareals samt Vorplatz bereits mehr als überwältigend. Neben schier unzähligen Fressbuden haben sich auch viele Sponsoren breitgemacht, die die tausenden Besucher als potentielle Kunden erkannt haben: Tesa (tauscht „gratis“ Panzertape gegen Gewinnspiel-Adressdaten), Melitta-Kaffee, Wera-Werkzeug, Telekom und natürlich diverse Spirituosen- und Tabak-Höker, die sich selbst gerne als total rockig präsentieren.

Recht gelungen ist das „Wackinger-Village“, das etwas Mittelalterfest-Stimmung aufkommen lässt und kulinarisch etwas mehr bietet als matschige Burger und Crêpes. Und was auch auffällt: Das gefürchtete Partypublikum steht deutlich weniger im Vordergrund als bei meinen letzten Stippvisiten 2016 und 2011: Mir sind wenig bis gar keine Nackte aufgefallen, kaum Kostüme und ebenso wenig reine Party-Camps. Außerdem nett, dass der Müll spürbar weniger geworden ist. Es bleibt natürlich immer noch viel Sperrmüll liegen, aber der Grad der allgemeinen Verwüstung hat meinem Empfinden nach deutlich abgenommen.

Schritt 3: Bands gucken

Für mich neu war, dass auch am Mittwoch schon einige Leckerbissen auf den Bühnen zu finden sind. In diesem Jahr waren das u. a. Rezet, Evil Invaders oder auch Nazareth, die ich mir gerne angesehen hätte. So sind mir neben den großen Acts vom Donnerstag (z. B. Udo Dirkschneider mit seinem Accept-Programm, Danzig und Judas Priest) glatt noch eine handvoll weiterer Bands durch die Lappen gegangen, was ich so gar nicht auf dem Schirm hatte – aber kannste nix machen. Trotzdem konnte ich mir noch einiges ansehen:

  • Destruction habe ich viele Jahre nicht gesehen und waren der erste Act, den ich mir im riesigen Zelt ansah, das direkt Platz für zwei durchaus groß dimensionierte Bühnen bietet. Ein Riesenfan von Schmiers Truppe war ich allerdings nie und so war das Geschepper zwar ganz nett anzuhören, ist für mich aber ohne nennenswerte Highlights vorbeigerauscht.
  • Im selben Zelt traten auch die Blues Pills auf, die ich zuletzt vor einem Jahr im vergleichsweise lächerlich kleinen Orange Club in Kiel gesehen hatte. Trotz der Tatsache, dass es sich bei den Zeltbühnen um die kleinsten „echten“ Bühnen des WOAs handelt, befindet sich immer noch ein respektabler Fotograben zwischen Band und Fans – und auch die Zuschauerzahl übersteigt die der meisten Clubs bei weitem. Der Auftritt ist durch und durch professionell, was mit allen Vor- und Nachteilen einhergeht: Auf der Habenseite stehen die perfekt performten Lieder mit vielen Soli und Jam-Einlagen. Aber die Interaktion mit dem Publikum bleibt natürlich weitgehend auf der Strecke. Den starken Songs sei Dank dennoch ein absolut sehens- und hörenswerter Auftritt!
  • Wer in den letzten zehn Jahren Running Wild live sehen wollte, der hatte keine andere Wahl, als das Wacken Open Air zu besuchen: Sowohl Abschieds- als auch Reunion-Auftritte wurden hier gespielt und anno 2018 tritt man mal ganz regulär – aber wieder exklusiv – auf dem WOA auf. Über Sinn und Unsinn kann man herrlich streiten, denn der Verdacht liegt natürlich nahe, dass ein Wacken-Auftritt verglichen mit einer Tour finanziell attraktiver und in der Organisation weniger aufwendig ist. So hab ich dem Auftritt schon vorab mit gemischten Gefühlen gegenübergestanden und ganz wegblasen konnte Rock'n'Rolf diese Zweifel auch im Verlauf des Gigs nicht, denn so richtig rund lief's nicht: Auch wenn die Songauswahl solide war (wenn auch ohne größere Überraschungen), so kann sich der Auftritt von den bereits genannten letzten Auftritten nicht so recht abheben. Die etwas hölzern wirkenden Ansagen und längere Pausen zwischen den Songs taten ihr Übriges. In der Folge wirkten auch die Reaktionen des durchaus zahlreich erschienenen Publikums eher höflich als euphorisch und so entstand mehr und mehr der Eindruck, dass der prominente Slot am Freitagabend auf der Hauptbühne etwas zu hoch gegriffen war. Zugutehalten muss man Rolf, dass er wohl bös Rücken hatte (laut 3sat-Interview, leider nicht online verfügbar) und die Show nicht absagen wollte. Dennoch, Running Wild würde es gut tun, wieder mehr mit den Fans auf Tuchfühlung zu gehen – etwa durch eine authentische Club-Tour, wie es andere Berufsbands von ähnlichem Kaliber ganz selbstverständlich und regelmäßig tun. Bei RAGE hat dies zuletzt sogar zu einer kleinen Renaissance geführt und mal ehrlich: Genau das würde Rolfs Truppe gut tun, denn die letzten Alben hatten längst keinerlei Relevanz mehr.
  • Ein sogenanntes Metalfestival mit Otto Waalkes in Programm? Na ja. Neugierig war ich natürlich trotzdem, schließlich ist man doch irgendwo mit Ottos grandiosen Flachwitzen großgeworden. Und dass der gerade 70 gewordene Friese überhaupt noch auf einer Bühne steht, ist ja auch schon eine respektable Leistung. Tatsächlich wurde es vor der „Louder“-Stage (ehemals Partystage, also die zweitkleinste Bühne) brechend voll, so dass er den zeitgleich spielenden In Flames auf der Hauptbühne fast ein wenig die Show stahl. Einziger Minuspunkt war, dass Ottos Mikro das ganze Konzert über zu leise abgemischt war und gerade die Ansagen einfach untergingen. Ansonsten aber ein überraschend munterer Auftritt, der alle wichtigen Songs aus Ottos Karriere nett zusammenfasste.
  • Verrückte Welt: Wer noch eine Woche zuvor als Haupt-Act auftrat, wird auf dem WOA am Samstagmittag in der Mittagshitze buchstäblich verheizt. Dennoch spielt Riot V vor ungefähr der gleichen Zuschauerzahl wie auf dem Headbangers Open Air, was auf dem riesigen Bühnenareal natürlich eher dünn wirkt. Foto: Riot V auf der „Louder“-Stage in Wacken Dennoch, die Anwesenden wissen offenbar, wen sie vor sich haben, und so wird die Band trotz Temperaturen jenseits der 30 Grad und Katerstimmung respektabel abgefeiert. Leider fehlt das großartige „Fire Down Under“ und an die Stimmung vom HOA kommt der Auftritt aufgrund der Umstände sowieso nicht ran, ist aber dennoch ein Genuss.
  • Night Demon sind live sowieso immer eine Macht und so wollte ich mir den Auftritt im Zelt natürlich nicht entgehen lassen. Hier wird auch deutlich, dass sich durchaus noch einige Maniacs in Wacken tummeln, die sich die Rosinen im Billing rauspicken, aber im Eventpublikum die meiste Zeit untergehen – nicht so an diesem Samstagnachmittag im Zelt. In Amerika scheint sich der zwiespältige Ruf des WOAs noch nicht so sehr rumgesprochen haben, denn die US-amerikanische Truppe ist sichtlich stolz darauf, Teil des Festivals zu sein und zeigt sich gewohnt sicher; sogar so sicher, dass mal eben eine defekte Bassdrum ausgetauscht wird, ohne dass der Auftritt auch nur eine Sekunde unterbrochen werden muss. Trotz aller Routine leidet die Spielfreude kein bisschen, toller Auftritt!
  • Leichte Kost wenig später auf der Bühne im Biergarten: Onkel Tom spielt die bekannte Mischung aus Eigenkompositionen und metallisierter Schlager, die vor allem beim schwer angetrunkenen Publikum gut ankommen. Dennoch gute Unterhaltung, viel mehr kann man zu dem Klamauk nicht sagen.
  • Highlight des Abends sind Helloween, die unter dem Banner „Pumpkins United“ wie zuletzt auf Konzertour vereinigt mit den ehemaligen Mitstreitern Kai Hansen und Michael Kiske auftreten. Das Publikum zeigt sich textsicher und feiert den zweieinhalbstündigen Auftritt von Anfang bis Ende. Die Setlist ist ein toller Rundumschlag des Materials aus mittlerweile über 30 Jahren Bandgeschichte. Foto: Helloween mit Abschlussfeuerwerk im Hintergrund
    Abschiedsfeuerwerk zu Helloween

    Auch wenn ich (wie viele Fans) die ersten ein bis drei Longplayer favorisiere und ansonsten eher Kai Hansens eigene Band Gamma Ray bei mir in der Playlist landet, gab's vor allem zum Ende mit „Future World“ und „I Want Out“ samt Feuerwerk kein Halten mehr. Bei aller Kritik an den letzten Alben und trotz Andi Deris' schrecklichem Organ war dieser Auftritt wohl der, an den man sich noch einige Jahre erinnern dürfte. Für mich der perfekte Abschluss des Festivals!

Fazit

Klar, Wacken ist nach immer noch in allen Belangen schier riesig und das mit allen positiven wie negativen Folgen. Es steht vor allem das Event selbst im Mittelpunkt – der Metal ist folglich nur ein kleiner Teil des Ganzen, anstatt wie andernorts im Mittelpunkt zu stehen. Und genau das ist bekanntlich der Grund, warum sich die Hartwurstfraktion längst andere Events gesucht hat. Bemerkenswert ist auf der anderen Seite, dass ebenso das Ballermann-Publikum allem Anschein nach mittlerweile woanders feiert.

Foto: Campinggelände, ohne übermäßig viel Müll

Noch am Freitag überraschend sauber und aufgeräumt: Das Camping-Gelände.

Auch positiv: Musikalisch wird nahezu jede Geschmacksnische bedient und so finden sich im Billing durchaus viele Perlen. Die sind zwischen den großen Namen natürlich mit der Lupe zu suchen, aber ein volles Tagesprogramm lässt sich trotzdem ohne Weiteres zusammenstellen. Nett ist auch, dass Duschen und Benutzung der Spülklos im Ticketpreis inbegriffen sind, auch wenn in Anbetracht der Sommerhitze mehr Trinkwasserquellen angebracht gewesen wären.

Insgesamt also ein gemischtes Urteil. Ich hatte meinen Spaß (was nicht zuletzt an der Stimmung im Lager lag) und bin finanziell gut davongekommen, so dass das Preisleistungsverhältnis unterm Strich stimmt. Der Vergleich zu kleineren Festivals hinkt trotzdem, da anderswo insgesamt weniger Zirkus geboten wird und Wacken dann doch irgendwie einzigartig ist.

Ob ich nächstes Jahr zur 30. Auflage des Festivals wieder am Start bin, kann ich noch nicht sagen. Aber zumindest ein Stück weit muss ich meine Kritik der letzten Jahre wohl wieder zurücknehmen.


(Titelfoto von Andreas Lawen, Fotandi, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)