TOWER, SMOULDER, MEGA COLOSSUS und mehr in Kiel und Hamburg

Fate calls a Champion!

7. September 2023 | #metal #konzert #druidlord #tower #smoulder #acidblade #megacolossus #altemeierei #bambigalore

Das erste September-Wochenende stellte alle (Quasi-)Kieler vor echte Schwierigkeiten: Während die Szene in der Umgebung gerade groß genug ist, um einen Club zu füllen wurden am vergangenen Freitag gleich zwei Venues gleichzeitig bespielt. Und zwar von TOWER und SMOULDER in der Alten Meierei und von MEGA COLOSSUS mit LUNATIC in der Schaubude.

Um das Booking-Chaos perfekt zu machen, vereinigten sich beide Tour-Trosse am nächsten Tag im Hamburger Bambi Galore – während im nahegelegenen Lübeck der StromGitarrenEinsatz tobte, ebenfalls hochwertig besetzt mit u.a. BÜTCHER, GALLOWER und SINTAGE.

Ich will jetzt nicht mutmaßen, ob dieses Über­angebot an (großartigen!) Nischen-Events ein Symptom des oft beklagten Club-Sterbens bzw. der Absage-Welle von Live-Events ist. Stattdessen versuchte ich einfach, so viel wie möglich mitzunehmen.

Gemütliches Meiern in Kiel

Da die Landeshauptstadt nun mal vor meiner Haustür liegt, musste auf jeden Fall einer der beiden Termine wahrgenommen werden. Ich entschied mich für das Paket in der Alten Meierei – auch wenn ich LUNATIC (die neue Band vom REZET-Ex-Gitarristen Thorben Schulz) gerne endlich live gesehen hätte, nachdem sie ihren Auftritt letztes Jahr beim Rise of the Scum absagen mussten. Aber satte vier Bands auf einen Schlag schienen mir einfach der bessere Deal, zumal mein letzter Besuch in der Meierei fast zehn Jahre zurückliegt und ich das Konzept des selbstverwalteten Kulturzentrums ziemlich sympathisch finde. Zum Konzept gehört ein frei wählbarer Eintritt (in diesem Fall zwischen zehn und 25 Euro), der unterschiedlich dicken Geldbeuteln den Konzertgenuss ermöglicht. Ebenso Teil des Gesamtpakets ist sicher auch das glückliche Gesicht des SMOULDER-Bassisten, der völlig aus den Socken war, weil jemand für alle Bands frisch und lecker gekocht und das Essen auf Porzellantellern serviert hat. Wenn das die Messlatte für tourende Bands in Europa ist, will ich mein Leben wirklich nicht eintauschen.

Ich kann nicht gut schätzen, aber mit Beginn der ersten Band DRUID LORD dürften sich überschaubare 50 Nasen eingefunden haben. Die Bühne des ansonsten stockdunklen Konzertsaals ist in grünes Licht getaucht, die Nebelmaschine gibt alles und schon beim Erklingen der ersten tiiiiefen Riffs flattern die Nasenflügel bei jedem Atemzug. Doomiger Death Metal (oder umgekehrt) ist eigentlich nicht meine Baustelle, aber hier in der Live-Situation mit Nebel, Licht und Höllenlärm mach der Mix definitiv Spaß.

Trotzdem war die Vorfreude auf TOWER etwas größer. Das Publikum steht immer noch luftig vor der Bühne, aber das New Yorker Quintett gibt derart Vollgas, als wäre der Schuppen bis in die letzte Ecke gefüllt. Nicht nur zünden Ohrwürmer wie Running Out of Time live noch gewaltiger als aus der Konserve, auch modisch wird hier alles richtig gemacht: Sängerin Sarabeth Linden greift mit ihrem Lycra-Overall tief in die 80er-Klischee-Kiste und stellt einen optischen Gegenpol zu Bassist und Rampensau Philippe Arman dar, bei dessen agiler Show man nie recht weiß, wo Dreads aufhören und wo Lederjackenfransen anfangen. Sein Cowboy-Hut findet zwar nach jedem Song wieder zurück auf den Kopf, bleibt im wilden Gemenge auf der Bühne aber seltenst länger als ein paar Sekunden an Ort und Stelle. Besser geht's nicht, für sowas wurden Konzerte erfunden!

In die Kerbe des Openers schlagen auch ANATOMIA aus Tokyo und machen das ansonsten US-Amerikanische, kanadische bzw. (Wahl-)finnische Billing komplett international. Wir nutzten den Slot allerdings für eine Döner-Pause, die dringend notwendig war aber natürlich noch besser in eine längere Bandpause gepasst hätte.

Aber bei vier Bands muss man sich eben sputen und so fanden wir uns immerhin rechtzeitig zum Headliner SMOULDER wieder in den Räumlichkeiten ein. Kurze Irritationen ob Sängerin Sarah Ann und ihr Gatte und Gitarrist Shawn Vincent in der Zwischenzeit die Hosen getauscht haben, werden auf der Stelle vom Tisch gefegt (wobei dieses Mysterium für mich noch nicht gelöst ist!), denn auf der Stelle wird mit Epic Metal und viel Theatralik der 80er-Fantasy gehuldigt. Und wie! Dass Sarah Ann in ihrer Rolle als schwertschwingende Amazone, Dämonenbeschwörerin und Warrior Witch from Hel voll aufgeht, war mir spätestens seit dem letztjährigen HOA bekannt; ob es am intimen Rahmen lag oder an gewachsener Routine spielt an dieser Stelle keine Rolle, das Stageacting ist einfach oberkultig und setzt den ohnehin saustarken Songs die Krone auf.

Versunken im Nebel: TOWER Laut und hart, stark und nicht so schnell: … SMOULDER!

Zeitig um 23:40 Uhr verklingt der letzte Ton und gibt Gelegenheit, gerade noch den vorletzten Bus zu erwischen. Weil der Nachwuchs in Sachen Ausschlafen aber keine Gnade kennt und die Nacht so oder so kurz zu werden versprach, machten wir uns zunächst keinen Stress und shoppten in aller Ruhe beim Merch und gönnten uns noch ein paar letzte Getränke. Bands wie Publikum schienen vollends zufrieden und ich nehme mir fest vor, meinen nächsten Besuch in der Alten Meierei zeitnah anzupeilen.

Volle Bude in Hamburg

Nachdem mich der allerletzte Überlandbus sicher zu Hause abgesetzt hatte, endete die Nacht wie befürchtet nach nur wenig Schlaf. Aber die Aussicht auf einen weiteren wahrhaft epischen Konzertabend hellte die Stimmung sofort wieder auf. Für den Trip nach Hamburg war die Logistik zunächst etwas schwieriger, denn als Wahl-Landei hätte ich mit den Öffis wieder abreisen müssen, bevor die erste Band ihr Set beendet hat. Glücklicherweise wurde mir das Gästezimmer von Freunden angeboten und wir trafen uns letztlich zu fünft in Billstedt, wo schon vor Konzertbeginn locker das vier- bis fünffache an Besuchern wie am Abend zuvor gierig auf den Beginn wartete.

Den Auftakt machten ACID BLADE, die leider schon angekündigt haben, dass sowohl der Drummer als auch der Sänger Ende des Jahres aussteigen werden. Umso größer war der Andrang im stickigen Kellergewölbe, wo das selbst­ironische Quintett alles gab. Zugegebenermaßen waren nicht nur die Ansagen etwas holprig, aber da Esprit bekanntlich Virtuosität schlägt, mochte man das der Truppe überhaupt nicht übel nehmen.

TOWER legten gegenüber dem Vortag noch eine ganze Schippe drauf und wurden von der tobenden Meute gebührend abgekultet. In der ausverkauften Hütte war es so voll, dass viele Fans nur noch seitlich an den dicken Säulen vorbei einen Blick auf die Band erhaschen konnten. Aber egal, von vorne bis hinten und von links nach rechts sah man nur zufriedene bis begeisterte Gesichter. Top!

Die Pinkelpause vor SMOULDER fiel dementsprechend kürzer aus, um sich einen Platz im Gedränge vor der Bühne zu sichern. Im direkten Vergleich fand ich den kuscheligen Kiel-Gig einen Tick besser, aber der Hexenkessel spornte offensichtlich zu Höchstleistungen an. Eine Zugabe wurde lautstark gefordert, war zeitlich aber leider nicht drin.

Allein schon um die schweißnasse Klamotte wieder zu trocknen, wurde das nächste Kaltgetränk bei lauschiger Nacht im Freien verhaftet. Zu Beginn der letzten Band MEGA COLOSSUS waren die Reihen leider schon etwas gelichtet, aber der Stimmung tat das keinen Abbruch. Die Gute-Laune-Schlagseite mancher Songs finde ich zwar etwas heftig, aber die maximale Spielfreude der Sympathen-Truppe entschädigten für alle kleineren Kitsch-Anflüge.

Sonnenbrillen und Nieten: ACID BLADE Die Hüllen fallen: SMOULDER Haben den Spaß ihres Lebens: MEGA COLOSSUS

Um kurz nach Mitternacht kehrte wieder Ruhe ein im Bambi und ein denkwürdiges Konzert­erlebnis ging zuende. Zumindest mein Geist wäre willig auf noch nen dritten Konzertabend gewesen, aber ich will das Verständnis meiner Frau für schwermetallische Eskapaden nicht zu sehr strapazieren. Aber die nächste SMOULDER-Show im Februar ’24 steht schon im Kalender!


Titelbild (inspiriert von den heißen MEGA-COLOSSUS-Tourplakaten): „illustration of a futuristic aircraft on a landing pad“ von David Revoy / Blender Foundation, veröffentlicht unter CC BY 3.0, via Wikimedia Commons